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Infrastruktur13. August 2026Michael Hettwer4 min read

Cloud vs. On-Premise 2026: eine Bilanz nach zwei Jahren

Zwei Jahre nach unserem Cloud-gegen-On-Premise-Beitrag: Was sich bei Preisen, Souveränität und GPU-Verfügbarkeit wirklich verschoben hat.

Im März 2025 haben wir in unserem Cloud-gegen-On-Premise-Beitrag ein Entscheidungsframework vorgestellt statt einer polemischen Antwort. Zwei Jahre später ist eine Bilanz fällig: Was hat sich in der Praxis verschoben, was bleibt, und was würden wir heute anders formulieren? Das Framework selbst hat sich bewährt, aber die Gewichte innerhalb des Frameworks haben sich verändert.

Der Markt ist weiter gewachsen, aber die Frage hat sich verlagert

Zahlen zuerst, damit die Einordnung nicht im Bauchgefühl bleibt: Laut Gartner lag die weltweite Ausgabe für Public-Cloud-Dienste 2025 bei rund 723 Milliarden US-Dollar, ein Wachstum von rund 21,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und Gartner rechnete damit, dass bis 2027 rund 90 Prozent der Organisationen einen Hybrid-Cloud-Ansatz fahren. Die Cloud ist also nicht verschwunden, im Gegenteil. Aber die interessante Verschiebung liegt woanders: Die Debatte dreht sich 2026 nicht mehr um Cloud oder nicht, sondern um welche Anteile der Arbeitslast wo laufen. Genau das ist die Hybrid-Realität, die die Marktzahlen beschreiben, und genau so begegnen wir ihr in Kundenprojekten.

Souveränität ist vom Randthema zum Beschaffungskriterium geworden

Der stärkste Hebel der letzten zwei Jahre war nicht die Technik, sondern die Regulatorik. Die NIS2-Umsetzung in Deutschland, in Kraft seit Dezember 2025, verlangt dokumentiertes Risikomanagement, Meldepflichten und Lieferkettenbetrachtung, mit einem deutlich erweiterten Kreis erfasster Einrichtungen. In Beschaffungsgesprächen heißt das praktisch: Die Frage nach dem Datenfluss, nach Zugriffsrechten und nach dem Meldeprozess im Störungsfall wird heute gestellt, wo sie 2024 noch als Einschränkung mit dem Zusatz „unabhängig davon“ durchging. Für viele unserer Kunden ist On-Premise oder eine verwaltete eigene Infrastruktur damit vom Kostenthema zum Compliance-Thema geworden, und die Bewertung fällt entsprechend klarer aus: Sensible Arbeitslasten mit klaren Anforderungen laufen heute häufiger im eigenen Rechenzentrum als noch vor zwei Jahren.

GPUs haben die Rechnung verändert

Die zweite Verschiebung kommt aus der KI. Vor zwei Jahren war die Frage „Cloud oder eigener Server“ eine Frage zu Webanwendungen und Datenbanken; heute gehört der GPU- oder CPU-Pool für Inferenz mit auf den Tisch. Ein Inferenzdienst, der im eigenen Haus läuft, verändert die Kalkulation: Die Alternative zu einer monatlichen API-Rechnung ist eine einmalige Hardwareausgabe plus Betriebsaufwand, und je konstanter die Auslastung, desto eher trägt die eigene Hardware die Rechnung. Dazu passt, dass die Werkzeuge für lokalen Betrieb deutlich gereift sind, wie wir im KI-Infrastruktur-Papier beschreiben, und wie Linux dabei das Rückgrat bleibt, wie unser Beitrag dazu zeigt. Für unregelmäßige oder stark wachsende Lasten bleibt die Cloud der einfachere Weg; für stabile, planbare Inferenzlasten ist die eigene Infrastruktur 2026 eine ernsthafte Option statt eine Ideologie. Und weil die Frage jetzt in fast jedem Projekt auftaucht, lohnt es sich, die Antwort einmal sauber zu dokumentieren, statt sie bei jeder Anfrage neu zu improvisieren.

Wie wir die Entscheidung heute strukturieren

Aus der Praxis hat sich eine Reihenfolge bewährt, die wir 2025 so noch nicht formuliert hatten. Zuerst die Datenklassifizierung: Welche Arbeitslasten verarbeiten Daten, die regulatorisch oder vertraglich im Haus bleiben müssen? Für diese Gruppe wird die Frage früh entschieden, und zwar Richtung eigene Infrastruktur, sofern der Betrieb es hergibt. Danach die Auslastungsprofil-Frage: Stabile, gut planbare Lasten sind Kandidaten für eigene Hardware, schwankende und wachsende Lasten sind Cloud-Kandidaten. Erst danach kommt die klassische Kostenbetrachtung, jetzt aber mit den korrigierten Posten: eigene Hardware inklusive Strom und Ablaufzeit, Cloud inklusive Compliance-Nachweis und Wechseloptionen. Wer diese Reihenfolge umdreht und bei den Preisen anfängt, diskutiert am Ende über Cent-Beträge, während die eigentlich teuren Fehlentscheidungen woanders sitzen. Übrigens gilt diese Struktur auch rückwärts: Für bestehende Umgebungen lohnt derselbe Durchgang, um zu erkennen, welche Anteile heute aus Gewohnheit statt aus Entscheidung dort laufen, wo sie laufen.

Was wir heute anders sagen würden

Drei Anpassungen an unseren Beitrag von 2025. Erstens: Die Frage „Total Cost of Ownership“ ist nach wie vor richtig, aber sie sollte heute auch Compliance-Kosten enthalten, also Aufwand für Nachweise, Meldewege und Lieferkettenbewertung. Zweitens: Wir würden die Arbeitstrennung schärfer formulieren. Zustandslose, stark schwankende Webarbeitslasten bleiben ein Cloud-Kandidat; datennah betriebene Systeme, Inferenz mit sensiblen Eingaben und alles mit regulatorischen Anforderungen haben 2026 einen stärkeren Default Richtung eigene Infrastruktur. Drittens: Die Abwägung sollte heute früher die Rückholbarkeit betrachten, also wie teuer es ist, eine Arbeitslast später zu verschieben. Wer seine Datenhaltung so gestaltet, dass ein Umzug möglich bleibt, kauft sich Optionen für die nächsten regulatorischen Überraschungen.

Wer eine Einordnung für die eigene Umgebung sucht, findet auf unserer Kontakt-Seite den direkten Draht. Und für die Grundsatzfrage, warum Linux nach wie vor das Rückgrat dieser Entscheidungen ist, lohnt unseren älteren Beitrag.

Quellen

  • Gartner: „Gartner Forecasts Worldwide Public Cloud End-User Spending to Total $723 Billion in 2025“ (723,4 Mrd. USD 2025, +21,5 % gegenüber 595,7 Mrd. USD 2024; 90 % Hybrid-Cloud bis 2027), https://www.gartner.com/en/newsroom/press-releases/2024-11-19-gartner-forecasts-worldwide-public-cloud-end-user-spending-to-total-723-billion-dollars-in-2025 (abgerufen 2026-11-01)
  • BSI: „Cybersicherheitsrecht: NIS-2-Umsetzungsgesetz ab morgen in Kraft“ (BSIG-Novelle in Kraft 2025-12-06), https://www.bsi.bund.de/DE/Service-Navi/Presse/Pressemitteilungen/Presse2025/251205_NIS-2-Umsetzungsgesetz_in_Kraft.html (abgerufen 2026-11-01)
  • BSI: NIS-2-Pflichten (Risikomanagement, Meldung, Lieferkette), https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Regulierte-Wirtschaft/NIS-2-regulierte-Unternehmen/NIS-2-Pflichten/nis-2-pflichten.html (abgerufen 2026-11-01)